Wenn Deutsche an Ostern denken, haben viele ziemlich ähnliche Bilder im Kopf: bunt bemalte Eier, Schokoladenhasen, einen festlich gedeckten Frühstückstisch und Kinder, die im Garten auf die Suche nach versteckten Süßigkeiten gehen.
Nicht zuletzt dank deutscher Ketten wie Müller und Lidl, die bereits seit Wochen ihre Regale mit Osterware füllen, sind der conejito de pascua (Osterhase) und die huevos de Pascua (Ostereier) natürlich auch auf Mallorca längst angekommen – genau wie der deutsche Adventskalender im Dezember. Trotzdem sieht Ostern hier oft noch ganz anders aus als in Deutschland.
Fastenhexe statt Osterhase
Protagonistin für die Kinder ist hier nicht der Osterhase, sondern schon die ganze Fastenzeit über die Jaia Corema. Das ist die Fastenhexe, der die Kinder traditionell jede Woche eines ihrer sieben Beine abschneiden, bis Ostern ist. Kaum eine Familie, in der keine selbst gebastelte Version der alten, etwas gruselig anmutenden Frau am Kühlschrank hängt, und daran erinnert, dass in dieser Zeit ja eigentlich Verzicht geübt werden soll – auch wenn sich kaum noch jemand daran hält.
Kulinarische Raffinessen
Damit ist es dann ab Ostersonntag – hier wie da – ja ohnehin vorbei und das Schlemmen kann beginnen. In Deutschland gehören je nach Region Osterzopf, Hefegebäck, Lammbraten oder festliche Sonntagsessen dazu. Auf Mallorca sind es vor allem traditionelle Gebäcke und herzhafte Spezialitäten, die eng mit der Osterzeit verbunden sind. Panades, also herzhafte runde Teigpasteten, robiols (süße gefüllte Teigtaschen) und crespells (mallorquinische Mürbeteigkekse, oft in Formen wie Sternen, Blumen oder Herzen ausgestochen und wirklich lecker) gehören für viele Familien selbstverständlich dazu. Oft werden sie gemeinsam vorbereitet – ein Brauch, der auf Mallorca genauso zur Vorosterzeit gehört wie für Deutsche das Plätzchenbacken im Advent.
Nicht zu vergessen die Tradition der monas de pascua, die zwar aus dem katalanisch-valencianischen Raum auf die Insel übergeschwappt ist, mittlerweile aber auch hier fest etabliert ist. Die Konditoreien der Insel versuchen sich bei der Herstellung der Schokofiguren gegenseitig zu übertreffen. Traditionell kriegen die Kinder die monas von ihren Paten am Ostersonntag geschenkt – oft verbunden mit einem gemeinsamen Ausflug.
Feierlich statt verspielt
Auffällig ist um Ostern aber auch die Stimmung des Festes, sie unterscheidet sich stark. In Deutschland wirkt Ostern heute oft hell, freundlich und verspielt. Es ist eng mit dem Frühling verbunden, mit Blumen, Dekoration und Familienzeit und spielt sich heute vielfach im privaten Rahmen ab: Man besucht die Familie, geht vielleicht noch in den Gottesdienst, isst gemeinsam und genießt die freien Tage. Zwar gibt es auch in Deutschland religiöse Traditionen und regionale Bräuche, doch in der öffentlichen Wahrnehmung ist Ostern längst stärker mit familiärer Gemütlichkeit und dem Ende des Winters verbunden als mit Tod und Auferstehung von Jesus Christus.
Kein Wunder, dass viele Deutsche die Osterzeit für den ersten Familienurlaub des Jahres nutzen und auf die Insel kommen. Möglichst weit weg von zu Hause entspannen. Geschafft vom kalten Winter und dem Stress des ersten Quartals, sehnen sich viele bei ihren Osterferien auf Mallorca vor allem nach Ruhe, Sonne und Freizeit mit der Kernfamilie.
In Spanien ist die Atmosphäre in diesen Tagen dagegen vielerorts deutlich feierlicher und ernster, besonders vor Ostersonntag. So, wie es ja im biblischen Kontext auch vorgesehen ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Fest in Spanien weniger gemeinschaftlich wäre – im Gegenteil. Gerade weil so vieles im öffentlichen Raum stattfindet, entsteht ein starkes Gefühl von gemeinsamer Tradition. Tatsächlich ist die Karwoche für viele Spanier ein Ereignis, das ganze Orte prägt – festlich, sichtbar und tief im Brauchtum verankert. Entsprechend erleben viele das Fest deutlich intensiver als in Deutschland.
Zurück zu den Ursprüngen
Auch deshalb ist die Karwoche für viele Spanier ein Grund, in ihr Heimatdorf zu reisen und dort mit der Großfamilie und der Dorfgemeinschaft zusammen diese Tage zu begehen – eben weil sie dort das Ostergefühl am besten erfassen können. So zieht es nicht wenige Festlandspanier, die auf Mallorca leben, in der Semana Santa noch einmal zurück zu ihren Ursprüngen. Dann wird der Glaube auf den Straßen und Plätzen besonders sichtbar – oder zumindest das, was dieser einst an Ritualen hervorbrachte und bis heute als Kulturgut weiterlebt.
Auch auf Mallorca ziehen Prozessionen durch die Straßen, Bruderschaften tragen Heiligenfiguren durch die Altstädte, Trommeln und feierliche Musik sorgen für eine ernste, andächtige Stimmung (S. 6). Wer in diesen Tagen durch Palma oder durch kleinere Orte der Insel geht, merkt schnell: Ostern ist hier weit mehr als ein verlängertes Wochenende. Die Liturgie und das gemeinsame Erleben religiöser Traditionen hallen weiter nach – wenn auch deutlich weniger glaubensfokussiert als beispielsweise in Andalusien, wo die Religiosität ausgeprägter ist als auf der Insel. Auch die aufwendig inszenierten Passionsspiele sind in einigen Inseldörfern wichtiger Teil des lokalen Kulturguts geblieben. Osterfeuer sucht man hingegen vergebens.
Ackern statt aufatmen
So sehr es die Spanier dieser Tage zu ihren Wurzeln zieht – auf Mallorca bedeutet Ostern für viele Einheimische auch eins: Saisonstart. Und damit eben nicht die Möglichkeit, aufs Festland zu reisen. Die Mehrzahl der touristischen Betriebe nimmt die Osterferien zum Anlass, um nach der Winterpause wieder zu eröffnen. Und während ausländische Urlauber die Seele baumeln lassen, krempelt ein Großteil der Inselbevölkerung jetzt die Ärmel hoch. Erholt und erwartungsvoll angesichts der bevorstehenden arbeitsamen Monate. Ostern, das ist auf Mallorca auch ein Warm-up für ein neues Halbjahr mit Besucherrekorden.